Shaun Tan hat am Freitag auf der Buchmesse den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen.
Tan hat ihn in der Sparte Bilderbuch für sein Buch „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“ erhalten. Sarah Wildeisen hat Tan exklusiv für PankowLiest! und die tageszeitung interviewt. PankowLiest! bringt heute den ersten Teil des Interviews, das Tara Cristopeit übersetzt hat.

Es regnet in Strömen, dröhnend reißt eine Maschine den Asphaltbelang von der Strasse, der australische Illustrator und Autor Shaun Tan betrachtet Berlin durch die Frontscheibe der Hotellobby. Als sich der nachdenkliche Mann wieder dem Tisch zuwendet, fällt sein Blick auf das Buch, das dort liegt: Die deutsche Ausgabe von „Ein neues Land“, von ihm gestaltet und gezeichnet.

Shaun Tan: Oh, was ist denn mit Ihrem Buch passiert?

taz: Das wurde von unseren Hasen angeknabbert.

Mein Papagei hat es auch auf Bücher abgesehen. Wahrscheinlich ist Tieren das Material genau recht. Da können sie sich gut drin festbeißen.

Tiere mit skurrilen Eigenschaften spielen in Ihren Büchern eine Rolle.

Ich glaube, die Tiere repräsentieren für uns so etwas wie pure Emotion, ohne die Komplikation, die durch Gedanken entstehen können. Wenn sie hungrig sind, füttern wir sie. Und wir lieben sie bedingungslos.

Für wen machen Sie ihre Bücher?

Wenn ich ein Buch mache, ist das eher eine egoistische Angelegenheit. Ich denke nicht an die Leser. Ob „Ein neues Land“ ein Kinderbuch oder eins für Erwachsene ist, ist nicht vorrangig wichtig. Ich habe mich mit dem Thema Migration beschäftigt. Hätte ich eine Ausstellung dazu in einer Galerie gemacht, würde es genauso aussehen.

Warum lassen Sie sich von Kinderbuchverlagen herausgeben?

Kinderbuchverlage wissen am besten, wie man ein illustriertes Buch herausgibt. „Die Fundsache“ zum Beispiel, die jetzt auch in Deutschland erschienen ist, wurde in Australien im konventionellen Bilderbuchformat herausgebracht. Auch dort wurde ich immer nach dem Alter meiner anvisierten Leser gefragt. Das hat mich irgendwann genervt. Ich wollte mit „Ein neues Land“ beweisen, dass es auch Bilderbücher für Erwachsene geben kann. Meine Bücher haben, glaube ich, viel mehr mit dem Individuum zu tun als mit einer bestimmten Altersgruppe.

Wie reagieren Kinder und Jugendliche auf Ihre Bücher?

Mich überrascht immer wieder, dass sie ihnen gut gefallen – auch jungen Kindern, die sieben Jahre alt sind. Ich frage mich immer, was ich mit sieben gedacht habe. Wahrscheinlich hätte ich meine Bücher gar nicht gemocht. Aber das hängt immer vom Kind ab. Ich versuche eine Regel einzuhalten. Der Leser braucht vorher nichts darüber zu wissen. Er muss die Geschichte Australiens nicht kennen. Ich setze auch keinen bestimmten Bildungsgrad voraus.

Wie erklären Sie sich, dass sowohl Kinder als auch Erwachsene ihre Bücher mögen?

Es fühlen sich viele Menschen angesprochen. „Die Fundsache“ ist die Geschichte eines Jungen, der ein verirrtes, tierartiges Wesen findet und sich darum kümmert. Obwohl die Bilder komplex und detailliert sind, können Fünfjährige sie lesen. Denn an der Oberfläche ist es ganz einfach. Für mich ist das immer ein Test, ob die Bilder auch ohne Worte funktionieren.

Haben Sie „Ein neues Land“ für Leute gemacht, die nicht lesen können?

Nein, dass es gerade für Migranten, die wenig Englisch sprechen, von Interesse sein könnte, hatte ich gar nicht bedacht. Was mich sehr berührt hat, war, dass Kinder von Einwanderern ihren Eltern „Ein neues Land“ schenkten.

Und wie kamen Sie auf die Idee, ohne Worte zu erzählen, nur in Bildern?

„Ein neues Land“ gründet auf den Erfahrungen, die mein chinesischstämmiger Vater machte, als er aus Malaysia nach Australien kam. Wenn ich ihn danach fragte, bekam ich meistens eine sehr einfache kurze Antwort. Deshalb gab es in der ersten Version immer kurze Sätze unter ausführlichen Bildern. Aber immer, wenn ich den Bildern Wörter beifügte, sah es falsch aus.

Was war das Problem?

Der Text störte den Fluss der Bilder. Es ist wie bei den meisten Comics. Es kann schnell passieren, dass man den Worten zu viel Aufmerksamkeit schenkt und sich die Bilder nicht genau genug anschaut.

Und dann haben Sie den Text einfach weggelassen?

Ja. Plötzlich machte alles Sinn, und die Form, nach der ich die ganze Zeit gesucht hatte, wurde offensichtlich. Dann fragt man sich: Warum ist mir das nicht früher eingefallen? Und warum hat bisher noch keiner dieses Buch geschrieben? An dem Punkt fing ich an, mir ein bisschen Sorgen zu machen.

Sie haben vier Jahre an dem Buch gearbeitet. Warum hat das so lange gedauert?

Während ich ein Buch illustriere, verdiene ich daran nichts. Ich muss immer andere Jobs machen, um meine Miete bezahlen zu können. Man legt also die Arbeit immer wieder nieder – um sie dann wieder aufzunehmen. Im ersten Jahr habe ich viele Fehler gemacht. Zu Beginn habe ich viele Skizzen gemacht, mit denen ich später nichts anfangen konnte. Ich habe erst nach einem Jahr verstanden, wie das Buch auszusehen hat. Aber ich wollte es auch nicht aufgeben. Ich dachte, das ist so eine gute Idee, irgendjemand muss das machen.

Wo haben Sie das Illustrieren gelernt, an der Uni?

Nein, all mein Können hatte ich auch schon mit 17. Ich war auf einer sehr guten Highschool mit einem erweiterten Kunstprogramm. Jeden Samstag hat man den halben Tag mit einem praktizierenden Künstler zusammengearbeitet. Drei Monate mit je einem Künstler, so dass man mit vier verschiedenen Künstlern im Jahr gearbeitet hat.

Gibt es Künstler, die Sie ganz besonders beeinflusst haben?

Diese Frage macht mir immer Probleme, weil es einfach tausende von Einflüssen gibt. Edward Gorey, Daniel Clowes (Ghost World), natürlich Maus von Art Spiegelman und Chris Ware. Für „The Arrival“ habe ich mich von früher Fotografie inspirieren lassen, aus der Zeit, in der Fotos noch aussahen wie Gemälde. Aber auch japanische Holzschnitte, italienische Freskos. Ich bin mir bewusst, dass ich mich immer in Traditionen bewege. Du kannst keine Stadt malen, ohne mit all den Künstlern in Verbindung zu treten, die schon mal eine Stadt gemalt haben, Edward Hopper zum Beispiel.

Wie sind Sie dazu gekommen, Kinderbücher zu illustrieren?

Ich habe im Studium viele Science-Fiction-Magazine illustriert. Nach der Universität war ich dann praktisch arbeitslos, da ich dort auch nicht unbedingt einen Beruf erlernt habe, und so dachte ich mir, dass ich als Kinderbuchillustrator vielleicht Arbeit finden würde. Ich zeigte meine Arbeiten bestimmten Verlagen, andere Schriftsteller empfohlen mich, und so bekam ich Arbeit von Kinderbuchverlagen. Ich illustrierte auch Fantasyromane für Erwachsene, Leute mit Schwertern, Burgen, Drachen und so weiter. So konnte ich die Miete bezahlen.

Den Jugendliteraturpreis haben Sie für „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“ bekommen – das erste Buch, in dem sie längere Texte geschrieben haben.

Ja, aber ich habe schon früher längere Texte geschrieben. Sie waren alle schlecht und wurden nicht veröffentlicht. Vielleicht fühle ich heute dasselbe wie früher. Nur kann ich es jetzt so ausdrücken, dass sich mehr Übereinstimmungen zu dem ergeben, was andere Leuten empfinden. Wenn Leute ein Gedicht schreiben, ist das gut für sie, aber für keinen anderen, das ist das Problem. Wenn man das Gefühl behält, aber eine bessere Form findet, dann kann daraus große Literatur werden. Auch Illustration ist ein sehr gutes Medium, um Ideen auszudrücken. Weil es sehr still und durchdacht ist.

Was hat Sie auf die Geschichte von „Eric“ gebracht?

Es gab dieses schräge Wesen mit einem kleinen Koffer in meinem Skizzenbuch, unter das ich einfach Eric geschrieben hatte. Dann kam eines Tages Besuch zu uns aus Finnland, ein Freund meiner finnischen Frau. Wir organisierten alle möglichen Ausflüge, um ihm Australien zu zeigen, aber er sagte sehr wenig. Wir waren unsicher, ob er sich freute oder nicht.

Wie haben Sie herausbekommen, ob es ihn gefreut hat?

Irgendwann in Helsinki. Seine Freundin war dabei und er erzählte aufgeregt von seinem Australien-Besuch. Er war begeistert von seinen Erinnerungen, viel mehr als in dem Moment, da er es erlebte. So geht es mir auch. Ich bin begeisterter von den Dingen, nachdem sie passiert sind. Das ist typisch männlich, glaube ich: Sehr viel zu fühlen, aber es nicht auszudrücken. Das bringt Probleme. In der Geschichte über Eric steckt das alles drin.

Neben skurrilen Tierwesen sind Wolken häufig ein Motiv in ihren Bilderbüchern. Wieso?

Wolken sind die größten Objekte, die man sehen kann. Sie haben etwas Magisches, wenn sie über den Himmel gleiten. Sie sind wie eine Idee, die sich gerade bildet. In „Die Fundsache“ ist nichts Natürliches mehr erhalten – aber die Wolken sind immer noch da. Die einzige organische Form in der Landschaft. In einer künstlichen Welt bilden sie diesen einzigartigen Moment der Freiheit.

Sie verwenden in „Ein neues Land“ Bilder, die zugleich bekannt und doch fremd wirken. Ist da viel Australien drin?

Für mich ist dieses neue Land eher eine alte Welt. Dort lebt eine Mythologie und eine alte Vergangenheit, das verbinde ich eher mit Europa. Ebenso wie die Menschen, die darin ihre Geschichte erzählen, eher aus europäischen Ländern kommen.

Was ist australisch an dem Buch?

Die seltsamen Tiere. In Australien gibt es einfach so sonderbare Tiere. Schnabeltiere, Kängurus, Koalas, Wombats, Tasmanische Teufel oder irgendwelche seltsamen Reptilien. Aber das Ökosystem in Australien ist sehr zerbrechlich. Viele Tiere sind vom Aussterben bedroht.

Was hat es mit diese sonderbaren Tieren auf sich?

Ich finde die Vorstellung reizvoll, dass da schon ein Geschöpf im Haus wohnt, als eine Art Wächter, zu dem man einfach dazuzieht. „Ein neues Land“ ist eine utopische Stadt, die die Natur nicht ausschließt. Die Kreaturen, die schon vorher da waren, bleiben erhalten. Alles lebt miteinander, muss sich nicht gegenseitig verdrängen oder ausrotten. taz

Bio

Der Merkwürdigzeichner

Shaun Tan hat bei der Frankfurter Buchmesse den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen – obwohl sich in seinen Büchern oft kein einziges Wort findet. Tan wurde 1974 in Perth, Australien, geboren. In seiner Heimat ist er bereits hoch gerühmt und vielfach ausgezeichnet, etwa mit dem New South Wales Premiers Literary Award für die Graphic Novel „The Arrival“.

2008 erschienen bei Carlsen mit „Geschichten aus der Vorstadt des Universums“ und „Ein neues Land“ gleich zwei seiner Bücher auf Deutsch. Shaun Tan war mit beiden Büchern für den Deutschen Jugendliteratur Preis 2009 in der Kategorie Bilderbuch nominiert. Mit „Geschichten aus der Vorstadt“ gewann allerdings nun das Buch Tans mit viel Text – was großes Geraune auf der Frankfurter Buchmesse auslöste.

www.shauntan.net

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„Guck mal! Hier gibt es Betten aus Pfahlmuscheln oder Austern und dazu Matratzen aus Seegras, Algen oder Schwamm!“ giggelt Emma am Computer. Sie spielt „Muschelzimmer einrichten“, ein Spiel, das auf der Webseite zur Kinderbuchreihe Pimpinelle Meerprinzessin zu finden ist. Pimpinella-Bücher kennt sie nicht, nur einen Auszug, der in der „Leselok“ abgedruckt ist. Die „Leselok“ ist ein neues Kindermagazin, das seit diesem Sommer kostenlos in den Zügen der Deutschen Bahn angeboten wird. Das 20-seitige Heft ist eine Kooperation der Deutschen Bahn mit dem Ravensburger Verlag, aus dessen Buchtiteln die Kurzgeschichten und Romanauszüge sich der Inhalt des Reiseleseheftes zusammensetzt. (mehr …)

Für Pankow liest! und die taz packt SARAH WILDEISEN die schönsten Kinder- und Jugendbücher dieses Sommers ein.

Mit Rotraut Berner, Andreas Steinhöfel, Michael Gay, Tulipan, Franz Hohler und vielen anderen. Lektüren für 1 bis 12 Jährige!

Die Wortschatzkiste von Rotraut Susanne Berner, weil man mit ihr „Einfach alles!“ in einem hat: eine Wörtersammlung, ein Wörterbuch für sechs Sprachen, eine Spielebox mit mindestens 25 Spielmöglichkeiten und 150 Motive, um unendlich viele Bildgeschichten zu erfinden. Nicht nur für die Kleinsten, für jedes Alter hat die Wimmelweltschöpferin Rotraut Susanne Berner auf 150 Karten unsere Welt in Einzelbilder übersetzt. Hintendrauf steht der Begriff in Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch, Türkisch und Chinesisch, dazu leere Zeilen zum Eintragen weiterer Sprachen. Eine Redewendung zu jedem Wort, wie zum Beispiel „Hinter dem Mond leben“ oder „zwischen allen Stühlen sitzen“ für die Begriffe Mond und Stuhl, öffnen den Blick für die Bildlichkeit unseres alltäglichen Sprachgebrauchs. (mehr …)

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