Was spielendes Erzählen mit Lesen zu tun hat

VON CHRISTIAN FÜLLER

Gerade haben Engin und sein Nebenmann noch gebalgt. Die Frage von vorne, um was es denn letzte Woche in dem russischen Märchen gegangen war, hat die Burschen wenig interessiert. Sie necken und schubsen sich gegenseitig. Schon sind sie beide vom Sitzmöbel auf den Boden gerutscht. Konzentration sieht anders aus.

Plötzlich sind alle mucksmäuschenstill

Aber plötzlich ist es hier mucksmäuschenstill. Innerhalb weniger Minuten hat es Sabine Kolbe geschafft, alle 24 Erst- und Zweitklässler im Raum zu fesseln. Die Schauspielerin fragt nämlich jetzt keine komplizierten Fragen – sondern sie erzählt einfach. Erzählt die Geschichte von Bella und Huarne, die so gerne heiraten würden, aber kein Geld dafür haben. Die Geschichte wird ein großes Abenteuer, weil Huarne allzu nah an die Wasserhexe herankommt, die ihn prompt verzaubert.

Verzaubert wirken auch die Kinder: Fritz hat den Mund sperrangelweit offenstehen – weil er verstehen will, wozu Bella ihrem Märchenprinzen Huarne ein Glöckchen und ein Zaubermesser mit gibt. Auch Falk guckt jetzt gebannt nach vorne, wo Sabine Kolbe die Geschichte mehr spielt als erzählt.

Ich fühle mich auf dem Reisekoffer wohler.“

Kolbe hat Erzählen studiert, ja, das konnte man eine Zeitlang an der Universität der Künste. Wenn die Mittvierzigerin vorspielt, wie das Messer Fische in kleine verwunschene Männer zurückverwandelt, dann ist es im Struwelpeterraum der Grundschule an der Marie mucksmäuschenstill. „Ich rücke den Märchenstuhl immer an die Seite“, sagt Kolbe. „Ich fühle mich auf dem großen Reisekoffer wohler – da kann ich besser spielen.“ Und dann setzt sie sich zur Probe in den mit dickem bordeauxroten Samt beschlagenen Stuhl, um zu zeigen, wie man darin versinkt und bewegungsunfähig wird.

Sie können förmlich zuschauen, wie der Wortschatz und die Erzählfreude der Kinder größer wird.“

Sie können förmlich zuschauen, wie der Wortschatz und die Erzählfreude der Kinder größer wird“, sagt Kolbe. „Die Kinder lernen, die Struktur von Geschichten zu erkennen – und dann auch selbst anzuwenden.“ Klingt wie ein Paradox: Wieso lernen Kinder besser lesen, wenn man ihnen etwas erzählt? Der Widerspruch ist, wie die Kinderbuchforschung gezeigt hat, gar keiner. Über das Vorlesen oder Erzählen bekommen die Kinder Sprachgefühl und, viele wichtiger, sie verbinden das Vor-/Lesen mit einem emotionalen Erlebnis. „Aus dem Erleben des aktiven Zuhörens erweitern sich die Phantasie, der Wortschatz und die narrativen Kompetenzen der Kinder“, sagen die ExpertInnen von Erzählkunst. „Die Kinder werden selbst zu Erzählern und erfinden sprachlich und stilistisch komplexe, berührende Geschichten.“

Jedes Projekt, das von Inititativen wie Erzählzeit für Schüler entworfen wird, braucht eine Verbindung in die Schule hinein. Im Falle der Erzählzeit waren dies die Lehrerinnen Jeanette Arndt und Silke Sudhoff von der Berliner Grundschule an der Marie. „Wir haben schon so viele Projekte miteinander gemacht“, erzählt Jeannette Arndt, „wir wussten dass das toll wird.“ Und so wurde aus dem Antrag ein erfolgreicher. 50.000 Euro flossen aus dem Berliner Projektfonds für kulturelle Bildung. Profitieren konnten davon acht Schulen und zwei Kitas. (Siehe Erzählzeit)

Ein Stotterer wird zum Hauptdarsteller

Leseförderung ist wichtig“, sagt Arndt. „Und es ist gut, wenn dazu von außen Leute mit Projekten kommen, die eine andere Profession als die Lehrer haben.“ Welche Bedeutung Projekte haben, die den normalen Unterrichsrahmen sprengen, erfuhren Arndt und Sudhoff bei der Odyssee, die sie einst an der Schule aufführten. Bei „Die Odyssee. Ein Kinderspiel“ stand plötzlich ein Junge, der unbedingt eine große Rolle spielen wollte. Kein Angeber, kein Selbstbewusster. „Der Junge kam mir scheu und sehr zurückhaltend vor. Außerdem stotterte er ab und zu und las schlecht“, berichtet die Spielleiterin. Er wollte aber dennoch eine bedeutende Rolle spielen. Er suchte sich schließlich die des Königs Aiolos aus. Keine einfache Rolle – die aber eine Wandlung brachte.

„Er sprach anfangs sehr introvertiert, schaute seinen Gegenüber nicht an, hatte Schwierigkeiten mit dem Text. Doch er blieb hartnäckig. Büffelte immer wieder seine Rolle, trainierte sie auf der Bühne, lernte frei zu sprechen und ohne Stottern zu spielen.“

Bei der Erzählzeit spielen die Kinder nicht selbst. Dennoch sind sie begeistert, sie fragen Sabine Kolbe am Ende, wann sie wiederkommt. Das ist etwas, was für die Erzählerin wichtig ist. Ihr geht es nicht nur um Leseförderung und Kooperation. Sie will Kunst zeigen. „Unser Ziel ist es, hier eine künstlerische Qualität mit hereinzubringen – und die Kinder damit zu entfachen.“