Nein, jetzt musst Du lesen, Engin,

sagt Leonard zu seinem Schulkameraden. Doch Engin mag nicht. „Sind zu lange Sätze, die kann isch nischt“, gibt er er im typischen berlinischen deutsch-türkisch zurück. Aber Leonard bleibt hartnäckig. Sein Mitschüler kann sich heute nicht drücken. Denn Leonard, der Zweitklässler, und der Erstklässler Engin sitzen bei einer Lesenacht zusammen. Lesenacht, das ist eine besonders aufregende Methode für die Kinder, das Lesen zu lernen.

(Aus: „Die neue Welt des Lernens“. Von Christian Füller. Büchermagazin 5/2009)

Die Kinder treffen sich am Abend in einem Schülerladen nahe der Schule. Die Lehrerin hat sie gut vorbereitet. Jedes Kind hat zu einem kleinen Büchlein drei Fragen notiert. Jetzt knobelt jeweils ein Pärchen die Fragen aus. Die Zweitklässler helfen den Erstklässlern. Ein paar Eltern sind da, um Gruselgeschichten zu lesen, wenn den Kindern die Puste ausgeht.

Es ist nur eine kleine Geschichte aus einer Berliner Schule. Aber sie sagt einiges über die neuen Wege, die gute LehrerInnen zu gehen bereit sind, um Kindern den Spaß am Lesen zu vermitteln. In der Lesenacht lernen sich die Kinder anders kennen. Sie sehen, dass Lesen mehr ist als Rechtschreibung – und sie staunen, was die Eltern an Stories mitgebracht haben. Hier sieht man, wie lernbegierig Kinder sind, wie sie lesen und lernen wollen. Das Buch wegzulegen ist hier uncool. Das Phänomen ist, dass die alte Schule sie oft daran hindert. Lernen muss auch Spaß machen. Das geht, in dem man die Individualität der Lernenden in den Mittelpunkt stellen – und ihre Selbständigkeit.

Egal, wo man auch hinsieht in Deutschland, egal welche Schulformen man besucht: Überall bricht sich eine neue Lernfreude Bahn. In Dortmunds Grundschule an der Kleinen Kielstraße etwa haben sie eine Lernwerkstatt eingerichtet. Auf einem breiten Fensterbrett haben ist ein großes Materiallager aufgetürmt. Tiere und Früchte sind dort zu finden, Archaische Holzfiguren mit langen Hälsen, Atlanten, Fotobände und große Bücher, welche die Tiere Afrikas zeigen. Handgefertigter Schmuck und Kochtöpfe. Aber kein Lehrer käme auf die Idee, den Drittklässlern dort zu erklären, was sie im Projekt Afrika zu tun haben.

Wir können im 21. Jahrhundert doch keinen fertigen Wissensrucksack mehr für unsere Schüler packen. Wir müssen ihnen zeigen, wie sie sich Themen selbst erschließen können. (Gisela Schultebraucks-Burgkart, Grundschule Kleine Kielstraße)

Die Kinder sollen in der Lernwerkstatt selbst herausfinden, was sie interessiert. Ihr Aufgabe besteht ganz ähnlich wie in einem wissenschaftlichen Proseminar darin, sich eine Fragestellung zu suchen. Die Ideen sind unerschöpflich. Die Kinder lernen etwas Doppeltes: Sie tauchen in das Material ein – und sie verstehen zugleich, wie man ein Projekt angeht. Dass man erst kramen und suchen soll, was einen fasziniert. Dass man sich dann bewusst fragt: „Was will ich wissen?“ – Die Leiterin der Schule, Gisela Schultebraucks-Burgkart, sagt:„Wir können im 21. Jahrhundert doch keinen fertigen Wissensrucksack mehr für unsere Schüler packen. Wir müssen ihnen zeigen, wie sie sich Themen selbst erschließen können.“

Wir unterrichten unsere Schüler nicht mehr. Ich komme nicht herein und muss für die Schüler den Clown machen. (Nathalie Ross, Max-Brauer-Schule)

Die Dortmunder Grundschule ist kein Einzelfall. In Hamburgs Max-Brauer-Schule haben sie neuartige Lernbüros eingerichtet. Wer dort zu Besuch ist, muss sich auf eine völlig andere Unterrichtschoreografie gefasst machen. Jedes Kind macht etwas anderes – entlang seinem individuellen Lernplan. Der Lehrer ist eher ein Assistent. Er widmen sich dem einzelnen Schüler, wenn der ihn ruft bzw. wenn er zu ihm in die „Sprechstunde“ kommt – am Pult, wo sich jeder Schüler einträgt, der eine individuelle Wissenskontrolle machen will. In der Brauer-Schule regiert nicht mehr die Methode Gotthilf Fischer – „Alle auf mein Kommando“. Dort sind die Schüler diejenigen, die ihr Lerntempo und oft auch die Lerninhalte (mit-)bestimmen. Der Lehrer tritt hier in allen möglichen Rollen auf – als Berater, Gutachter, Zeuge, Sachverständiger, nur nicht mehr als Allwissender mit dem Lehrplan unter dem Arm. „Wir unterrichten unsere Schüler nicht mehr. Ich komme nicht hier herein und muss für die Schüler den Clown machen“, sagt Lehrerin Natalie Ross. „Ich habe nicht die Fäden in der Hand. Die Schüler machen vieles selbständig.“

An der Templiner Waldhofschule geht Lernen gar nicht mehr anders. Dort sind gehandikapte Kinder zusammen mit sogenannten normalen Schülern, aber was ist schon normal an einer Schule, wo die Spannweite der Talente von einem schweren Fall von Trisomie 21 bis zu jungen Hochbegabten reicht, deren Fähigkeiten man im Gleichschritt der Regelschule erst übersehen und dann unterdrückt hat.

Selbst an den Gymnasien, jene Lehranstalten, die von jeher als Bollwerk der Lehrplanschule galten, tut sich etwas. Das Credo des Lernens am traditionellen Gymnasium besteht darin zu sagen: „Wer hier nicht mitkommt, der muss halt gehen!“ Am Friedrich-Schiller-Gymnasium in Marbach, einem Schulpreisgewinner, heißt das Motto: „Jeder kommt ans Ziel!“ Dafür hat das 2.000-Schüler-Gymnasium von Rektor Günter Offermann eine Vielzahl so genannter Unterstützungssysteme eingerichtet. Sie reichen von persönlichen Diagnose- und Therapielehrern bis hin zu Probeversetzungen von Sitzenbleiberkandidaten. In Sommerschulen können die Gefährdeten während der Ferien nachlernen, was sie verpasst haben. Die Sitzenbleiberquote ist daher am Schiller-Gymnasium mikroskopisch klein.

Das neue Lernen ist bislang vor allem auf den Inseln experimentierfreudiger Schulen zuhause. Aber es gibt längst ein übergreifendes Konzept: Im Mittelpunkt steht der einzelne, der nicht mehr als Schüler angesehen wird, sondern eher als Lernender oder gar Forschender. Um die Motivation und die Neugierde des einzelnen wirklich zu nutzen, werden ganz neue Lehr- und Lernformen angewandt. Dazu gehören Freiarbeit, Lernwerkstätten und -büros, Labore und Projekte. Die Triebfeder des neuen Lernens ist aber überall die gleiche: Die Selbständigkeit des einzelnen.

Wenn wir bald in unser neues Gebäude einziehen, dann hängen wir die Tafel ab. (Jens Großpietsch, Heinrich-von-Stephan-Schule)

Das neue Lernen ist dabei keinesfalls eine blutleere systemische Angelegenheit. In den guten Schulen gibt es immer auch faszinierende Projekte. Die Wiesbadener Heinrich-von-Kleist-Schule bietet ihren Schülern die Möglichkeit, an den deutschen Flagfootball-Meisterschaften teilzunehmen. In Brandenburgs Waldhof-Schule hat sich Rektor Winfried Steinert einen eigenen Schulwald von 750 Hektar zugelegt. Seine Schüler bewirtschaften den Forst zusammen mit einem eigenen Förster und Waldarbeitern. Sie lernen in praktischen und ökologischen Projekten. Und an der Max-Brauer-Schule in Hamburg gibt es viel große Projekte zur Bewährung der Schüler. Eines besteht darin, dass Achtklässler zusammen mit ihren Lehrern auf große Fahrt über die Ostsee gehen – auf echten Segelbooten. Ein anderes besteht darin, sich drei Wochen durch die Alpen zu bewegen, ohne abzusteigen.

Inzwischen ist sogar schon ein Blick in die Zukunft der Schulen möglich. In all´ diesen Einrichtungen gerät das alte Lernformat aus der Feuerzangenbowle aus den Fugen. Es gibt nicht mehr den frontalunterrichtenden Kollegen Dr. Pfeiffer, der die Schüler im Gleichschritt durch den Lehrplan kommandiert. Es gibt vielerorten nicht einmal mehr das Klassenzimmer alter Prägung, in der eine Tafel vorne hängt und wie ein Magnet alle Schüler ausrichtet. Wenn wir bald in unser neues Gebäude einziehen, dann hängen wir die Tafel ab“, erzählt Rektor Jens Großpietsch von der Heinrich-von-Stephan-Schule in Berlin-Tiergarten. Die einstige Krisenhauptschule hat das „Wunder von Moabit“ (Süddeutsche Zeitung“) geschafft und sich zu einer Vorzeigeschule gewandelt. Die Stephan-Schule gehört zu jenen Berliner Schulen, die sich nun in eine Gemeinschaftsschule verwandeln, eine Schule für alle. Das heißt: Bald wird man dort auch das Abitur ablegen können, auf individuellen Wegen.

Christian Füller, 45, ist Politikredakteur bei der Berliner tageszeitung „taz“. Er hat gerade „Die Gute Schule: Wo unsere Kinder gerne lernen“ mit fünf Portraits der besten deutschen Schulen veröffentlicht

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s