Die Berg- und Talbahn der Lesefreuden

VON SARAH WILDEISEN

Hat ein Kind erst die Technik des Lesens verinnerlicht, eröffnet sich ihm die Welt. Die Welt der Bücher ist eine Teststrecke für Erfahrungen und Phantasien, sagt der Autor Adolf Muschg. Inhalt und Form eines Buches treten in den Vordergrund.

Lesen als transformative Kraft

Wenn Kinder lesen, erfahren sie Vorstellungen von Welt, wie sie ein bestimmter Autor gezeichnet hat. Ihre Denk-, Gefühls- und Handlungsmuster erweitern sich. Einer anderen Figur oder Person zu folgen unterstützt die Bereitschaft, sich mit dem Fremden auseinander zu setzen. Die Kinder werden zum Perspektivenwechsel heraus gefordert.

Gleichzeitig schult Literatur darin, den Unterschied zwischen Realität und dargestellter Wirklichkeit bewusster wahrzunehmen:

Wenn sich Kinder von Figuren abgrenzen oder sich mit ihnen identifizieren, entwickelt sich auch eine Vorstellung ihres eigenen Ichs.

Durch das Lesen von Reihen und Serientiteln – Erwachsenen oft suspekt – verinnerlichen Kinder/Jugendliche durch ständige Wiederholung eines Grundschemas literarische Formen wie Kinderkrimi, Abenteuerbuch und andere.

Leseknick nach der Grundschule

Die sogenannte Literaturkompetenz erwerben Kinder mit jedem Buch, das sie in die Hand nehmen, auch mit den ersten Bilderbüchern. Im Erstlesealter, also cder Phase zwischen 5 und 9 Jahren machen Verlage gut zugängliche Bücher. Sie sind vom Inhalt also auch von der Form her stark vereinfacht – um den Einstieg ins Lesen einfacher zu machen. Damit nimmt aber gleichzeitig das Literaturverständnis in dieser Zeit ab. Das hat Vor- und Nachteile.

Denn nach der Leselernphase beginnt für viele der Ausstieg aus dem Lesen – leider. Die Iglu-Studie stellt eindrucksvoll fest, dass die Lesefreude beim Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule in Deutschland besonders stark ist. Bisher gelingt es weiterführenden Schulen kaum, diese Motivation zum Lesen zu sichern bzw. zu erhalten.

Kinder- und Jugendliteratur als Einstiegsliteratur

Die Gründe dafür mögen vielfältig und komplex sein. Eine Ursache aber liegt in der mangelnden Kenntnis vieler Eltern und Lehrer der Kinder- und Jugendliteratur. Dieses Genre ist eine Literaturform, deren Zielpublikum zwar Kinder und Jugendliche sind und die an der kindlichen Wahrnehmung orientierte Ausdrucksformen wählt, aber meistens von Erwachsenen gekauft und ausgesucht wird. Dabei wird die Auswahl der Erwachsenen von ihrer persönlichen Definition des Begriffs kindgerecht bestimmt. Bei kaum einem anderen Medium ist die zensierende Auswahl durch die Erziehungsberechtigten so groß wie bei KJL-Büchern. Die Bewahrpädagogik schlägt hier besonders hart zu.

„Um Kinder vor allem zu bewahren, was nicht kindgerecht erscheint, spare ich es aus der Kinderliteratur nicht nur aus, sondern schreibe in Kinderliteratur überhaupt nur ein, wovon ich möchte, dass Kinder es wissen, kennen lernen, beherzigen,“

kritisiert Heidi Lexe, Kinder- und Jugendliteraturwissenschaftlerin.

Auch in der Lehrerausbildung wird auf die Kinder- und Jugendliteratur allenfalls in der Didaktik Bezug genommen. Ein Überblick über die Vielfalt dieser Literaturform wird ihnen nicht vermittelt.Wer Deutsch auf Lehramt studiert, arbeitet sich durch die Literaturgeschichte deutscher Dichter und Denker, also dem Kanon der Erwachsenenliteratur. Kinder- und Jugendbücher werden nicht als Teil der Literatur begriffen, sondern nach ihrem pädagogischen Gebrauchswert beurteilt.

Gerade weil Erwachsene, obwohl sie oft nur mangelhafte Kenntnisse besitzen, sich einmischen in die Lektüreauswahl ihrer Sprösslinge, sind Bibliotheken von großer Wichtigkeit. Sie sind Orte, die es Kindern und Jugendlichen ermöglichen, einen unentgeltlichen und selbstbestimmten Zugang zu Büchern zu finden.

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